das wilde denken
“ Doch ob man es bedauert oder sich freut, es gibt immer noch Zonen, in denen das wilde Denken, so wie die wilden Arten, relativ geschützt ist: das ist der Fall in der Kunst, der unsere Zivilisation den Status eines Naturparks zubilligt, mit all den Vorteilen und Nachteilen, die sich mit einem so künstlerischen Gebilde verbinden; und das ist besonders auf vielen Sektoren des sozialen Lebens der Fall, die noch nicht gerodet sind und in denen – aus Gleichgültigkeit oder aus Ohnmacht, und meistens ohne daß wir wüßten, warum – das spontane, wilde Denken auch weiterhin gedeiht.“
CLAUDE LÉVI-STRAUSS – » DAS WILDE DENKEN «
namenlos
n a m e n l o s
ob die berührung durch die äußere schicht der haut nur im gedankenlosen raum sich zeitlos wiederfindet? und wo es nur so scheint, als wär’s ein traum, der mir im lauf der zeit, im anfang bis zum knöchel reicht, der fließt und strömt und scheinbar zeitlos, kopflos alles körperhafte weiter treibt. in ungeahnter weise die bewegung löst vom grund. mich nicht in solches wasser taucht, das kacheln und gefäße netzt. wo sich der schweiß, der dunst, der kalk, der tag zersetzt. wo alles – wieder nichts: am ende – offen ist. scheinbar schwerelos, ziellos – stück für stück -, tiefer, wortlos, ohne hast. die farben, eigenschatten, wirrer tanz. vergessen, was noch im anfang ufer war, entlang der zeit. dem fluß bekannt, dem keine wörter folgen. es sei fortan nie mehr derselbe fuß, niemals die gleiche hand, die dann das wasser teilt. nie wieder noch derselbe blick, der all dies mit sich führt: die blätter, die bilder – den tand. wörter nur und muskelband. kette, schlinge um den hals. ohne farbe zuletzt. die augen gespannt. dem fluß der flüsse folgend. wo zeit und raum erneut begriffen sind. mich schöpfen lassen noch und noch. kelle des vermessens! nur nichts gefaßt! nur atem, hauch. es steigt und fällt das jähe, hohe fieber. nur ahnung bleibt. und alte, leise lieder.

