teXte #04

HOTEL DES WESTENS

bevor ich ankam im hotel des westens
einen matten blick in meine zukunft warf
bevor ich eintraf bedankte mich
bei gott
nicht jedem sei hier der aufenthalt gegönnt
doch da verschob sich auch schon alles
verloren sich im hebeln der blicke
viele danksagungen im wind
die aufzugseile knirschten leis
hörbar geölt als ich auffuhr
zur vom sozialstaat bezahlten bleibe
summen der teile die im blindflug sangen
klaubte ein bündel habseligkeit ins spind
ließ etwas ahnung unausgepackt
ließ mich sein
habe staub im hirn aufgewirbelt
im ersten auf und ab verhakte
den schlüssel im ersten handumdrehn
die türe ließ mich ein
ich war da präsent sozusagen – vertan
und vorbei bald das zählen der schritte
ja ich war draußen!
stillschweigend mein körpergerüst
auf einen stuhl deponiert
sieben lange monate lang
vor dem geöffneten fenster zur seele
gehaust im surrenden gebläse der maschine
das war mein rausch im buchstabentausch
ich blieb und trieb
mir schreibend die seele aus dem leib
wo namenlos befingerte tapeten grüßten
stücke möbel
matte spiegel
blinde kacheln
knitternd plastiktüten
klappriges namenloses ungenanntes
daß nichts umsonst sei
mein hirn entrümpelt die risse
sog das krakeln aus allen ecken und kanten
zur unzeit
die lästigen schaben ertrug ich gelassen
weniger die einsamen gummiträume
ein vom hiesigen überfluß
mit geilheit geschlagener trunkenbold
mein zimmerkumpan und gutenachtgesell
ein leibhaftiger ossi
abgeschoben ins kapitale lummerland
nach dem wechsel der vorlagen
sprach er schon mal in ganzen sätzen
was mich in unruhe warf
war das
schnarchende rollen und stöhnen
im schlaf
kurz auflodernd
sein ausgekotzter ekel
gnadenlos ihn einholende ernüchterung
seele im niemandsland gebrannt
ich entleerte mich
in nahtlos umbrochener zeilenklüngelei
bilder umkrochen mich
nicht nur im traum
allein mit leeren stühlen
trieb es mich
über den rand der wörter hinaus
dem inneren abgrund zu
befingerte ( in dosen ) die zerrbilder
anamorphosen

HOTEL DES WESTENS III

aus allen vier ecken
rieselt die neue zeit
zwei stühle warten auf
das scheitern der geste
am rand der wörter
das leben ein traum?

HOTEL DES WESTENS VI

drinnen immer noch draußen
begrünt ein schatten mein auge
ringeln sich winden sich zweige
ach so schling mich doch auch!
umringt von ab-und-zu-sirenen
spannen spinnen ihre netze
in den spinden schimmelt
noch schneller das brot
wenigstens das ist gewiß
vorräte sind nicht anzulegen
ständig klinkt oder knackt es
der zimmerkumpan plagt mein ohr
die gewöhnung ans unvermeidliche
morgenbrot abendgesicht nachtraum
den tag in die zeilen pressen
auf die straße treten ins nirgendwo
was besagt das schon – eingewiesene
leisen sich hier ins versteckte
unbehaust
mit solchen wörtern
ist kein staat zu machen
papier nur papier
mein nachtquartier

HOTEL DES WESTENS IX

nun greift mich das räumliche ganz
im hiesigen viereck der putz
das herumlungern fordert zum tanz
was kann man hier alles erahnen!
lücken lassen – verwinden den tag
gegen das nichts mich flott kasteien
aufsteigend oft ein namenloser klang
ein inlaut schwingt auf sich und abwärts
es wandert der blick stummen schrittes
im rausch der sinne worte verwüstend
vierzehn bis achtzehn stunden am tag
bereit mich umfassender abzusondern
ein dünner knapper atem dimmt das hirn
haarspaltereien sprachlos dahingekämmt
ja man hat hier ein recht auf ewigkeit
am rande nicht länger auf wahrheit wild
und was bliebe sonst noch zu sagen?
ein hauch von undenkbarkeit alles in allem

1991 III-IX = monat des jahres, als ich diese texte schrieb.
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