die KATZE spurensuche

katze susi Rheydt/Rhld. ottostrasse – foto 1970

erst nach dem tod der mutter 1976 fand ich fotos und alte dokumente. an meinen vater kann ich mich nicht erinnern. nur an die grosseltern in Rheydt, als ich noch klein war, später gab es keine kontakte. den jüngeren bruder der mutter habe ich 1965 in der nähe von Ulm besucht ( ein besonderes thema ). als ich von Nili ( bassist ) in Rheydt ein radio kaufte, sah ich ein foto seines vaters, meines onkels, Nili war also mein vetter, jedoch familiäre kontakte gab es danach nicht.

brüderlein und schwesterlein

wegen des lange vergessenen hundes erinnert er urplötzlich auch das eckzimmer – in hochparterre -, ihre wohnung dort. ganz deutlich sieht er den herd mit der verchromten stange ringsum. wo er als kleiner junge herumturnt und seine beine unter den herd baumeln 1äßt. der stammplatz des hundes. in einem anderen jahr liegt dort meist die katze, die niemals gelernt hat, auf mäuse scharf zu sein. denn hin und wieder huschen dort mäuse an der wand entlang – unter diesem herd. irgendwo hatten sie dort einen durchschlupf gefunden, da er sie noch öfters auftauchen und wieder verschwinden sah. die katze ist sehr scheu. wird sie auf den fenstervorsprung gesetzt ( marga schließt es dann immer gerne ), sofort springt sie runter auf den bürgersteig, rast in einem scharfen bogen um die hausecke, schleicht, ängstlich geduckt, flitzt die sieben, acht, neun oder zehn stufen einer steintreppe im eiltempo rauf. im endspurt rast sie durch das meist offene haustor, nimmt die letzte ecke, miaut kläglich vor der wohnungstür. dieser katze bindet die schwester eines tages eine längere fitzekordel um den hals. ein hund ist devot und gehorsam. eine katze läßt sich nicht an die leine legen, möge diese noch so lang sein. die katze springt hin und her, versucht die kordel abzustreifen, schließlich flieht sie und kriecht unter die couch, verheddert sich dort in den sprungfedern. die kordel schlingt sich dabei enger und enger um den hals. die katze röchelt. seine schwester steht stumm und steif, hält immer noch diese kordel fest in ihren mädchenhänden. endlich nimmt er seiner schwester die kordel aus der hand. er findet ein kleines messer und kriecht unter die couch, fingert nach dem hals der katze. es gelingt ihm, die kordel so zu fassen, daß er eine hand dazwischen schieben kann. in der anderen hand hat er das messer gehalten. so kann er die kordel noch rechtzeitig vom hals der armen katze lösen. die schwester erinnere er immer nur stumm, emotionslos, unbeteiligt. ihre kindergestalt kenne er nur von einem einzigen alten foto, das er im nachlaß der mutter findet. seine schwester hält sich am rock der mutter fest, er aber, gerade zwei monate alt, nicht im arm der mutter liegend, sondern ganz aufrecht sitzend, den kopf hoch haltend. die mutter sieht ihn zwar an, er aber blinzelt ins unbestimmte. hinter ihnen ahnt man einen sehr großen, uralten baum. geburt 14.04.1944 in Unterach am Attersee Österreich, müttergenesungsheim – evakuierung in kriegszeiten.

er kann sich erlebnishaft und visuell an seine schwester ansonsten überhaupt nicht erinnern – nicht in der kindheit. nur das erlebnis mit der katze: dort ist sie der auslösende faktor; und doch im gleichen moment bereits wieder total passiv. selbst noch in der schreckensphase steht sie da, als hätte sie mit der situation – die sie doch ausgelöst hat – gar nichts zu tun. dabei erinnere er marga ja nur, weil deren einzige freude darin zu liegen schien, die scheue katze zu ärgern. seltsamerweise sieht er sie da sehr deutlich: unbewegt, nur die kordel immer noch in ihren händen haltend. ihre einzige beteiligung schien darin zu liegen, daß sie sich und diese verängstigte katze in eine beziehung zu bringen versuchte. die aktivität, die kordel einfach loszulassen, brachte sie wirklich nicht zustande. bis er ihr diese kordel abnahm. die schwester ist dreiundeinhalb jahre älter als er. und zum zeitpunkt der erinnerung ( die er visuell und im ablauf deutlich erinnere ) ist er selbst höchstens sieben jahre. sie wäre damals älter als zehn, fast elf jahre alt gewesen. oder beide wären doch jünger. es habe sich genauso abgespielt. warum hat er – bis zuletzt – keinerlei erinnerungen an sie? und das, obwohl sie doch bis zu seinem zehnten lebensjahr zu dritt in einem zimmer wohnten, etwa sieben oder acht in zwei zimmern, schließlich in drei zimmern. zudem später die zeit in berlin, als mutter und schwester bei ihm in seiner winzigen wohnung – in zwei zimmern – hausten, ab 1968 sogar wieder in rheydt, als er gerade mal frisch verheiratet war. nein, er kann sich absolut an nichts erinnern, wo er seine schwester mal konkret vor augen habe. erst als sie ab 1976 selbst eine eigene wohnung hat, inzwischen verheiratet ist, da erst kann er die schwester – situativ – wieder erinnern. und dieser zeitpunkt fällt mit dem tod der mutter zusammen. über diese totale beziehungslosigkeit hat er oft nachgedacht. daß sie all die jahre zwar sehr beengt wohnten, es jedoch ansonsten keinerlei gemeinsames leben zwischen seiner schwester und ihm gegeben zu haben schien. das ist doch seltsam, wirklich sehr seltsam.

diese texte sind autobiografisch, 1991-1996 geschriebene erinnerungen an meine kindheit. die wahl der 3. person ER statt ICH brachte genug emotionale distanz, um eine brücke zu sprache und schreibstil als erwachsener zu bauen.

ÄSTHETIK DES SCHEITERNS – ( aus buch 2 muttersprache/kindheit – dieses buch hat 144 seiten ) © dietmar wegewitz

https://wegewitz.wordpress.com/biograph/

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Ein Gedanke zu “die KATZE spurensuche

  1. diese situation steht stellvertretend für die tatsache, daß es ZUHAUSE keinerlei gespräche gab. es war zeit, hiermit bewußt abschied zu nehmen, von einer prägenden, TOTal beziehungslosen vergangenheit.

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